JESCO
TSCHOLITSCH


Selbstportraits 2012:

Bild des Monats auf art-tv

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Sherazer Kopie1.jpg
Sherazer

Bild des Monats | 01/12

Facebook-Accounts von Usern, welche ständig online sind und ihre Sozialkontakte hauptsächlich über ein Smartphone pflegen, werden von Sherazer gelöscht.

Seit klein auf von Computern fasziniert, eignete sie sich ihr Wissen autodidaktisch an. 2003 reiste sie nach Minneapolis und bekam eine Stelle als Kinderbetreuerin bei der Familie von Karen Cooper und Bruce Schneier (Experte für Kryptographie und Computersicherheit).
„Seine Manuskripte und Algorithmen lagen wie frisch gefallener Schnee überall herum, ... ich hätte das Baby mit verbundenen Augen durch die Wohnung tragen müssen, wenn ich Bruce‘s Berechnungen keine Aufmerksamkeit hätte schenken dürfen.“

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

„Vor zwei Jahren machte ich mit meiner Freundin Wanderferien am Comersee. Ständig zückte sie ihr Handy, knipste Bilder und stellte diese mit Kommentaren auf ihre Facebookseite. Es waren fast keine normalen Dialoge möglich, da sie mir ständig irgendwelche Kommentare von anderen vorlies oder mit ihren Fingern ständig Buchstaben eintöggelte. Wenn ich heute in eine Bar oder an einen Event gehe, dann meist mit dem Hintergedanken, den Menschen das Hier und Jetzt und schliesslich auch einander wieder näherzubringen. Ich glaube, an manchen Orten bräuchte es gar keine Beleuchtung, da immer genügend Leute etwas auf Facebook posten und die Handydisplays für genügend Licht sorgen. Ich habe mein eigenes Smartphone so spezifiziert, dass ich mich mit einer Software direkt in einen fremden Account einklinken und diesen unwiderrufbar löschen kann. Wenn ich unterwegs bin, muss ich zuerst natürlich den Namen des zu löschenden Facebook-Users wissen, da ist dann meine Fantasie gefragt.“

Zur Person

* 1985 | Winterthur | arbeitet als IT-Beraterin bei einem Musiklabel

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Spamhammer.jpg
Spamhammer

Bild des Monats | 12/12

Biegt die schwarze Katze bis sie sich in den Schwanz beisst.

Normalerweise landen Spam und Werbepost im Abfalleimer, er nimmt sich die Zeit, den Botschaften zu folgen.

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

"Sie bekommen doch sicher auch immer nette Werbepost oder Spam-Mails. Wie gehe ich mit all dem um? Die meisten ignorieren es, ich gehe voll drauf los. Und ärgere die Veranstalter, die Scammer und Trickbetrüger. Ich nehme an den schönen Carausflügen teil, an welchen man eingeladen wird, wenn man Post von "Sie haben gewonnen" bekommt und quatsche den Teilnehmern den ganzen Weg hin und zurück die Ohren voll, dass es dem Veranstalter wind und weh wird. Wenn wir dann zu den jeweiligen Verkaufsstellen kommen, wo nun alle etwas kaufen sollen, dann dränge ich die Mitreisenden zum Kauf und rede so mühsam auf sie ein, dass sicher niemand mehr etwas kaufen will. Und alle denken, ich gehöre zum Veranstalter. Ich spüre auch Scammer und Enkeltrickbetrüger auf, die eine traurige Geschichte über ihr angebliches Leid erzählen und unbedingt Geld benötigen. Ich recherchiere sorgfältig in ihrem Umfeld, erkundige mich über ihre Freunde, Komplizen und Bekannten, benutze dessen Namen und füge mich in ihr System ein, ja werde gar zum angeblichen Freund. Und dann knüpfe ich ihnen ebenfalls ein hübsches Sümmchen ab, indem ich auch eine traurige Geschichte von einem gemeinsamen Bekannten auf Lager habe.
Aber mein Highlight ist folgendes. Ich habe bereits fünf Personen physisch aufspüren können, von denen diese "Enlarge Your Penis" Spam-Mails versendet werden. Und diesen habe ich eine zwei Meter hohe, 2.8 Tonnen schwere Schwanz-Skulptur bei Nacht und Nebel in den Garten gestellt. Eine steht nun in Russland, eine in Amerika, eine in Brasilien, eine in Indien und eine in der Ukraine."

Zur Person

* 1987 | Rorschach | arbeitet als Performancekünstler

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Ramboo Kopie1.jpg
Ramboo

Bild des Monats | 02/12

Guerilla Gärtner benutzen brachliegende Flächen, um triste Innenstädte mit Blumen zu verschönern. Ramboo pflanzt schnellwachsendes Grünzeug wie Bambus und Japan-Knöterich, um den Asphalt zu besiegen.

Sein Urgrossvater war Friedhofsgärtner in Varazze, sein Grossvater Baumschullehrer in Savona und seinen Vater zog es zu einer Bäuerin nach Losone. Seit Generationen ist der Garten das Zentrum der Familie.

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

„Ein Grund für meine Berufswahl als Landschaftsgärtner war die Liebe zu Pflanzen, dem Grün und der sich bildenden Farbenpracht. Heute werden immer mehr Grünflächen auf öffentlichen Anlagen und privaten Grundstücken in Steingärten verwandelt. In meiner Tätigkeit als Gärtner muss ich täglich unzählige Sträucher ausreissen, fälle gesunde alte Bäume und Blumen und deren Zwiebeln landen auf dem Kompost. Viele Gemeinden streichen Arbeitsplätze, niemand kann sich also um die Grünflächen kümmern und so wird einfach ein Steingarten daraus. Die Hausbesitzer wollen Rendite, kein Geld für Gartenarbeit ausgeben und Steine sehen auch immer ordentlich aus. Ich habe beschlossen, der Natur ein wenig unter die Arme zu greifen und pflanze nun vorallem schnellwachsendes und -fortpflanzendes Gut, das sich auch auf hartem steinigen Boden gut zurecht findet. Die tagsüber ausgepflanzten Setzlinge, gebe ich jeweils Nachts wieder an anderen Orten dem Boden zurück bis sich die Städte und Vororte in einen Dschungel verwandeln.“

Zur Person

* 1981 | Losone | arbeitet als Landschaftsgärtner bei einer schweizerischen Gartenkette

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Frau-Klaus.jpg
Frau Klaus

Bild des Monats | 11/12

Selbstlose Selbstversorgerin

Frau Klaus nimmt, was sie auch geben kann, hegt und pflegt, was um sie herum wächst und weidet und hat sich auf ihrem Hof eine Art Klausur eingerichtet.

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

"Vor 20 Jahren habe ich den Hof von meinen Eltern übernommen. Ich wusste nicht, wie ich das mit all den Tieren, dem Gemüse und Obst schaffen sollte. Die Sachen rechnen sich kaum, wenn man die Erzeugnisse auf dem Markt verkauft oder die Äpfel der Kelterei bringt. Zudem war mir alles zu gross und ich wollte mich einfach selbstversorgen können ohne aber einen Nebenjob tätigen zu müssen, um meine Krankenversicherung bezahlen zu können. Also habe ich vier Leute gesucht, die gerne gesund und auf dem Land leben würden, aber sich die tägliche Arbeit eines Selbstversorgers nicht vorstellen können. Diese "stille" Partner bezahlen bei mir eine Pauschalmiete, essen und trinken kostenfrei nur saisongerechte Küche und tätigen ausserhalb ihren Beruf und Lebensstil.
Ab und zu schnappen sie sich auch mal die Ackerfräse oder die Ölpresse.
Mittlerweilen bin ich sehr gut ausgerüstet, sodass es für uns alle das ganze Jahr reicht. Was ich nicht selber anbauen kann, tausche ich mit anderen. So liefere ich dem Bäcker im Dorf ein geschlachtetes Schaf und eine Ziege pro Jahr und bekomme dafür täglich frisches Brot. Ich habe Bienen, Hasen, Hühner, Ziegen, Schafe, eine Kuh, Kräuter, Nüsse, Gemüse und Obst zum Trocknen, Einmachen und Pressen. Neu habe ich auch ein Solardach. Ich muss sagen, ich habe seit 20 Jahren keine Orange oder Banane, nicht einmal mehr Schokolade gegessen."

Zur Person

* 1973 | Orzens | arbeitet als Bäuerin

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Queen_Mantra.jpg
Queen Mantra

Bild des Monats | 10/12

911 für alle rastlosen Gehirne

Wenn sich das Gehirn am Abend im Bett im Leerlauf dreht und Stress statt Ruhe einkehrt, dann hört Queen Mantra zu.

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

"Ich bin selber ein ziemlich rastloser Mensch, finde kaum Ruhe und Entspannung und habe mich nach meinem Studium intensiv mit dieser Plage beschäftigt: Warum sind wir so unzufrieden, ziellos und gestresst, obwohl es uns eigentlich gut gehen sollte? Die Rastlosigkeit und Optionsvielfalt, Karriereziele und das Produktivitätsdenken, dazu der ganze elektronische Informationsüberfluss zwingen uns zu ruhelosem Quengeln ohne Genussfähigkeit. Ich bin gerade dabei, ein Buch zu schreiben und alle, die mir anrufen, helfen mir, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen. Ich bin eine sehr gute Zuhörerin, nehme jedes Anliegen ernst und hüte mich davor, Ratschläge zu erteilen. Ich bin also wie eine gute Freundin, der man auch um zwei Uhr morgens anrufen kann. Am Schluss des Gespräches suchen wir dann zusammen ein Mantra, welches ich hundertmal in den Hörer sage oder die Betroffenen selber vor sich her sagen können. Unser Gehirn macht zwar nur 2 % unseres Körpergewichts aus, arbeitet aber so hart, dass es 25 % des aufgenommenen Sauerstoffs verbraucht. Manchmal hält uns unser rastloses Gehirn nachts nur wach, um die Arbeit des Tages abzuschließen.
Ich kenne einen Arzt, der seine Tendenz zur Zwanghaftigkeit abmildert, indem er Mitgefühl für sein überarbeitetes Gehirn entwickelte und „armes Gehirn, schon wieder so viel harte und unnötige Arbeit“ bis zur einschlafenden Erschöpfung vor sich hin murmelt."

Zur Person

* 1979 | Bern | arbeitet als Psychologin

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Convertix.jpg
Convertix

Bild des Monats | 09/12

Alte Struktur wird neu verwendet.

Haben Sie schon einmal auf einem Nachen Pétanque gespielt?

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

"Es gibt so viele leerstehende Gebäude, Örtlichkeiten und Brachland, die einfach danach schreien, genutzt zu werden. Ich beschäftige mich schon lange mit der Umnutzung von solchen Orten, ohne aber einen dauerhaften Eingriff zu machen. So schreibe ich Hausbesitzer und Grundbuchämter an, um mit ihnen über eine Zwischennutzung zu diskutieren. Ich arbeite als Vermittler zwischen Suchenden und Anbietern und habe mittlerweilen ein ganzes Archiv mit skurrilen Gebäuden, unheimlichen Tunnelanlagen und alten Fabrikarealen. Die Besitzer wollen eigentlich nur, dass nachher alles wieder in Ordnung ist, nicht haftbar sind und keine Reklamationen entstehen können. Wir haben schon Squash-Turniere in leeren Camionanhängern organisiert, eine Geisterbahn für Kinder in einer 300-jährigen Villa am See, Schlittschuhlaufen in einer Freiluftbadi im Winter, ein Hochzeitsfest in einer leerstehenden Kirche, also Trauung, Essen, Party alles am gleichen Ort, eine Rollschuhdisco in einem alten Parkhaus, eine Schlammparty im Aushub einer Tiefgarage und und und."

Zur Person

* 1970 | Hünenberg | arbeitet als Architekt

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Harry.jpg
Harry

Bild des Monats | 07/12

Zuerst fesselt er die Zuhörer mit seiner sonoren Stimme und anschliessend wiegt er sie sanft in den Schlaf.

Wer nur vor dem Fernseher einschlafen kann oder generell Einschlafschwierigkeiten hat, sollte sich Harry ins Schlafzimmer bestellen.

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

„Als meine Freundin von superhero Fahri gelesen hat, wie gerne er Hörbücher beim Autofahren hört, meldete sie mich für dieses superhero-Projekt an. Fast jeden Abend lese ich ihr aus Büchern vor, damit sie einschlafen kann. Sie leidet an Einschlafstörungen, versuchte mit Baldrian und Akupunktur den Schlaf zu forcieren, aber meine Stimme scheint die einzig wirksame Methode zu sein.
In meiner Pubertät - als der Stimmbruch einsetzte - fing alles an. Mein Deutschlehrer gab mir den Spitznamen Harry, weil meine Stimme so tief und warm wie jene von Harry Rowohlt zu knarren begann. Wenn es in meinem Dorf irgendwo etwas vorzulesen gab, bestellte man mich als Sprecher. Zuerst waren es Beerdigungen und Rangverkündigungen, später engagierte mich sogar das Lokalradio für jeden Jingle. Ich glaube, sämtliche Beziehungen in meinem Leben verdanke ich gewiss nicht meinem Äusseren, sondern meiner Stimme. Sogar meine Freundinnen telefonierten lieber mit mir als mich täglich sehen zu müssen. Alle kamen in den Genuss von spätabendlichen Vorlesungen im Bett, weil sie so besser einschlafen konnten. Ich allerdings - vorallem in der Jugendzeit - stellte mir gemütliche Stunden im Bett anders vor...(lacht).
Nach dem Gymnasium absolvierte ich die Schauspielschule und nun bin ich Schauspieler von Beruf, wobei ich meistens als Off-sprecher und hinter dem Vorhang tätig bin. Mittlerweilen bin ich es gewohnt, im Hintergrund zu werken, da meine Stimme so präsenter und ungeblendet wahrgenommen wird.
Viele meiner Freunde haben mich schon gefragt, ob ich ihnen etwas vorlese. Ich mache es sehr gerne, weil ich die Ruhe in diesen Runden liebe, sei es an Geburtstagen oder Hochzeiten. Aber am schönsten ist es, wenn ich dabei jemandem beim Einschlafen helfen kann.
Was ich noch machen möchte, aber wohl nie angefragt werde... einen Werbeslogan für Damenbinden.

Zur Person

* 1988 | Lantsch | arbeitet als Schauspieler

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Diarrheo.jpg
Diarrheo

Bild des Monats | 08/12

Er lehrt uns ganz schnell davonzurennen, obwohl man eigentlich bleiben möchte.

Ohne äussere Gewaltanwendung werden Unholde in die Schranken gewiesen, im besten Fall nach Hause, im schlechtesten geht es aber in die Hose.

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

"Ich habe ja als Kind auch viele Dummheiten gemacht, habe andere genervt und rumgeblödelt, aber gewissen Grenzen habe ich selbst in einem Vollrausch nicht überschritten. Ich gehe gerne in Clubs tanzen und da gibt es leider immer Exponate, die sich nicht spühren, andere belästigen oder die Hackordnung immer und immer wieder zelebrieren müssen. Und da gibt es andere, die KO-Tropfen in Erwägung ziehen, um dann die Auserwählte doch noch ins Bett zu bringen. Oje, oje, wie geht man da vor, ohne in eine Schlägerei zu geraten? Wie bringt man solche Leute zu Verstand oder mindestens weg vom Ort, wo man sich selber ungestört aufhalten möchte? Ich benutze die */*-Tropfen, den Namen schreibe ich lieber nicht, da sie ohne Rezept erhältlich sind. Aber fünf Tropfen in einem Getränk reichen, um in 30 Minuten eine Wirkung herbeizuführen. Sie sind geruchslos und farbneutral und wirken stark, ja sehr stark abführend. Und so ist der Unflätige dann sehr schnell und aus freien Stücken von der Bildfläche verschwunden.
Ich mag es eigentlich niemandem gönnen, wenn das Ding dann schon an der Bar wörtlich in die Hose geht, ist aber mal einem Typen passiert, der eine Frau gerade auf gröbste blossstelte, weil sie ihm zu schmuddelig gekleidet war."

Zur Person

* 1969 | Biel | arbeitet als Drogerist

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Five-Finger-Phillip.jpg
Five-Finger-Phillip

Bild des Monats | 03/12

Wer zu viele oder zu ähnliche Kleidungstücke besitzt, wird unfreiwillig zum Spender.

Aufgewachsen in Blitzingen, eine der ärmsten Gemeinde im Oberwallis, zügelte er schon mit 17 Jahren nach Genf, studierte später Textildesign in Zürich, arbeitete viele Jahre in Stockholm bei Björn Borg und lebt nun wieder in Genf.

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

„Unsere Verwandten in Genf schickten uns früher jedes Jahr zu Weihnachten ihre getragenen Kleider. Sie trugen sehr saisonbewusst Kleider, deckten sich immer mit den neuesten Modetrends ein und verschenkten das Ausrangierte ins Oberwallis. Ich und viele Freunde in meiner Heimatgemeinde kamen so in den Genuss bester Mode, halt um ein Jahr verschoben, aber wen interessierte das in Blitzingen... Als ich dann beruflich in der Modeindustrie landete und Kleider en masse produzierte, besass und realisierte, was die Leute einfach so im Schrank herumhängen haben, hatte ich den Drang zum Verteilen. Ich entwende nicht wahllos Kleider von Fremden. Wenn ich in einem Kleidergeschäft beobachte, wie sich ein Typ ein fast identisches Hemd anprobiert, schleiche ich mich in die Umkleidekabine nebenan und stibitze unbemerkt sein altes Hemd. Er hat ja dann gleich ein neues und muss nicht nackt nach Hause. Meistens kann ich ziemlich gemütlich aus dem Laden verschwinden, aber ich musste auch schon rennen, was das Zeug hält. (lacht)
Das getragene Hemd wird dann einen Jüngling in Blitzingen oder einen Obdachlosen im Thurgau erfreuen.“

Zur Person

* 1978 | Genf | arbeitet als Farb- und Stilberater

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Fahri.jpg
Fahri

Bild des Monats | 06/12

Er fährt die Musiker von hier nach dort und wieder zurück, nur Hörbücher muss man mögen.

Der 204 cm grosse Mann mit dem grossen Herz hat auch einen grossen Transportbus. Mit seiner Körpergrösse strahlt er natürliche Autorität und Schutz aus, was auch Eltern von jungen Girliebands sehr zu schätzen wissen.

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

„Ich bin ein leidenschaftlicher Hörbuchhörer, konnte mir aber nie die Ruhe gönnen, einfach faul auf dem Sofa zu sitzen und mich stundenlang berieseln zu lassen. Da schien mir irgendwie die Zeit vergeudet und ich hörte nur noch Bücher, wenn ich länger mit dem Auto unterwegs war. Aber länger unterwegs bin ich auch nicht täglich und ich muss sagen, ich fahre sehr gerne Auto, vorallem ganz spät Nachts, wenn nur noch wenige unterwegs sind und die Strassen fast ausgestorben sind. Da ich sehr sehr sehr gross bin und in kein normales Auto passe, kaufte ich mir vor sechs Jahren diesen grossen Bus mit sehr viel Beinfreiheit. Dieser fasst auch 12 Personen oder sechs mit sehr viel Gepäck. So kam mir die Idee für meine ehrenamtliches Hobby. Welche Gesellschaft bis sechs Personen mit viel Gepäck muss spät Abends noch sehr weite Strecken fahren, ist aber übermüdet oder gar angetrunken. Es sind die Musiker. Vorallem die unbekannteren Bands verfügen über keinen geeigneten Bus oder ihre kleine Gage geht für die Busmiete flöte. Selbst wenn sie einen Bus haben, muss immer ausgeknobelt werden, wer nicht trinken darf. Ich verlange nur Verköstigung und 70 Rp. pro Kilometer, trinke nicht, aber die zu fahrenden müssen gewillt sein, bedingungslos meine Hör-CDs während der Fahrt hinzunehmen. Meist schläft ja sowieso die ganze Bande auf den Rücksitzen nach wenigen Minuten ein. Aber nicht wegen den Hörbüchern..."

Zur Person

* 1979 | Stansstad | arbeitet als Sportartikelverkäufer

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Cameleon_Diaz.jpg
Cameleon Diaz

Bild des Monats | 05/12

Sie tarnt und neutralisiert urbane Reizüberflutung

Mann muss nicht in die Berge fahren, um abzuschalten. Auch städtischer Lebensraum kann entspannend sein, wenn gewisse Irritationen aufgehoben sind.

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

"Den ganzen Tag muss ich lesen, auch wenn ich bloss im Bus sitzen möchte und die Leute und Bäume betrachten möchte. Oder ich schlendere durch die Stadt, möchte den Kopf abschalten, aber alles ist mit Infotafeln und Plakaten zugekleistert. Auch wenn mich die Botschaft nicht interessiert, gucken und lesen tue ich im Unterbewusstsein dennoch. Man merkts nicht, aber es ist ermüdend. Nun bin ich lesemüde und versuche, die Umgebung bild- und textarmer zu gestalten. Ich fotografiere den Hintergrund einer Plakatwand, bspw. eine Mauer, drucke dieses Bild auf mehreren A3-Blätter aus und klebe dann dieses «Mauerbild» mosaikartig wieder auf die Plakatwand. Die Mauer ist jetzt ohne Störfaktor erkennenbar. Bei freistehenden Werbeflächen verschmilzt das Gesamtbild nur aus der fotografierten Perspektive zusammen, was zusätzlich eine reizvolle Annäherung beim Publikums auslöst."

Zur Person

* 1986 | Basel-Stadt | arbeitet als Texterin

 
http://tscholitsch.com/files/gimgs/th-19_Mark-Tagger.jpg
Mark Tagger

Bild des Monats | 04/12

Sprayt Leuten ihren Studenlohn auf den Rücken

Er weiss, wieviel wir verdienen und dass wir nicht gerne darüber sprechen. Es ist unanständiger als nach dem Alter fragen. Die einen müssen den Gürtel enger schnallen, die anderen tragen fünf Gürtel und sieben Paar Hosenträger und die Hose hält trotzdem nicht. Krankenpflegerin, Lokomotivführer, Generalunternehmer, CEO oder Kioskverkäuferin: Was kosten sie pro Stunde?

Wie begründen Sie Ihre Tätigkeit?

„Während meinem Wirtschaftsstudium jobte ich bei der Steuerbehörde. Da bekam ich Einsicht in so ziemlich alle Finanzsituationen der schweizerischen Bevölkerung. Das Thema ist ja nicht neu: Hohe Boni die einen, tiefe Löhne die anderen. Man verteitigt sich, wehrt sich, streikt oder lebt einfach sein Leben. Und man fragt sich, was ist mein Leben eigentlich wert? Was ist eine Stunde von meiner geleisteten Arbeit wert? Warum ist eine Stunde «Geld auf der Bank zu verwalten» so viel mehr wert als eine Stunde lang «Steine auf eine Mauer zu beigen»?
Wenn ich den Stundenlohn einer Person ausgerechnet habe, dann spraye ich ihr mit einer Schablone die Zahl auf den Rücken. Nur ca. 1 cm gross, damit das Kleidungsstück nicht ruiniert ist und die Besitzer die Zahl beim Ablegen nicht gleich bemerken. ... Dann steht da beispielsweise: 23 oder 985. Wer schon über meine Tätigkeit gelesen hat, weiss dann auch, was diese Zahl unterhalb eines Kragens bei einer Person zu bedeuten hat. Vielleicht regt es zu einem Gespräch an, vielleicht löst es nur Kopfschütteln aus, vielleicht muss man sich rechtfertigen oder erhält ein aufmunterndes Schulterklopfen.
Ich spaye meist an Orten, wo man eng aneinandersteht oder viele Leute herumwuseln.“

Zur Person

* 1969 | Schaffhausen | arbeitet als Journalist bei einem Wirtschaftsmagazin